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[Märchen] Der alte Mann und das Pferd (01.05.2009)

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Der alte Mann und sein Pferd

Ein alter Mann lebte in einem Dorf, sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, den er besaß ein wunderschönes weißes Pferd.
Könige boten phantastische Summen für das Pferd, aber der Mann sagte dann : „Dieses Pferd ist für mich kein Pferd, sondern ein Freund. Und wie könnte ich einen Freund verkaufen.?“
Der Mann war arm, aber sein Pferd verkaufte er nie.

Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich und die Leute sagten:
„Du dummer alter Mann! Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tagesgestohlen würde. Es wäre besser gewesen, es zu verkaufen. Welch ein Unglück!“

Der alte Mann sagte: „Geht nicht soweit, das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen, weiß ich nicht, weil dies ja nur ein Bruchstück ist. Wer weiß was darauf folgen wird?“
Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war. Aber nach fünfzehn Tagen kehrte eines Abends das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte noch ein Dutzend wilder Pferde mit.
Wieder versammelten sich die Leute und sie sagten: " Alter Mann. Du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen erwiesen.“
Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: das Pferd ist zurück.... wer weiß, ob es ein Segen ist oder nicht? Es ist nur ein Bruchstück. Ihr lest ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das Buch beurteilen?“
Dieses Mal wussten die Leute nicht viel einzuwenden, aber innerlich dachten sie, das der Alte unrecht hatte. Zwölf herrliche Pferde waren gekommen...

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn, der begann, die Wildpferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine.
Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie. Sie sagten: „Wieder hattest du recht! Es war ein Unglück. Der einzige Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen, und erwar die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor!“
Der Alte antwortete: „ Ihr seid besessen von Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Das leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es begab sich , dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war von Klagen und Wehschreien erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, das die meisten der jungen Männer nicht nachhause zurückkehren würden.
Sie kamen zu dem altem Mann und sagten: „Du hattest recht , alter Mann, es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind für immer fort.“

Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf zu urteilen. Niemand weiß! Sagt nur dies: dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat und das mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur das Ganze weiß, ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

Chinesische Geschichte aus der Zeit Laotse



Kurzanalyse
„Doch nur das Ganze weiß ob dies ein Segen oder ein Unglück ist.“

Voraussicht ist notwendig und hilft, aber sie sollte nicht fesseln, einengen oder sogar entgültig urteilen.
Der alte Mann ist ganz im Hier und Jetzt. Die Dorfbewohner kommen zu ihm und ihr Urtei fällt mal so, mal so aus, ganz wie sie es sehen.

Der Dreiklang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, sollte harmonisch zusammen wirken können.
Mit einem bisschen Vertrauen in das eigene Schicksal, der notwendigen Initiativkraft und eine gute Portion Glück, ist die heutige Zeit wie zu Zeiten des Meisters Laotse zu meistern.
Viel Erfolg dabei.

über den Artikel

Dieser Artikel wurde am 09.05.2009 um 17:05 Uhr von Amos Ruwwe erstellt. Er wurde bis jetzt 628 mal aufgerufen und besteht insgesamt aus 824 Wörtern.

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